Wissen - 06
Tabakanbau in der Schweiz. Ein Jahr im Feld.
Schweizer Tabak ist Handarbeit. Auf rund 450 Hektar in neun Kantonen kultivieren etwa 130 Pflanzerbetriebe die Pflanze - die meisten als kleiner Nebenzweig zu Milchwirtschaft oder Ackerbau. Diese Seite erklärt, wie ein Schweizer Tabakjahr abläuft, was die Pflanzer leisten und welche Mengen am Ende geerntet werden.

Definition
Tabakanbau in der Schweiz umfasst das gesamte Pflanzenjahr: Aussaat im Februar, Auspflanzung im Mai, Pflege bis zur Reife, Ernte ab Juli, Trocknung im Spätsommer und Herbst, Anlieferung an den Pflanzerverband im Winter. Eine Hektar Tabak braucht rund 1500 Arbeitsstunden - rund zehnmal mehr als eine Hektar Weizen.
01
Schweizer Tabakanbau in Zahlen
Die Zahlen sind klein, aber stabil.
Etwa 130 Betriebe bauen heute Tabak in der Schweiz an, organisiert im Pflanzerverband SwissTabac. Die Anbaufläche liegt seit Jahren bei rund 450 Hektar - ein Bruchteil der Fläche der 1960er-Jahre, als noch über 5000 Hektar Tabak kultiviert wurden.
Die jährliche Erntemenge bewegt sich zwischen 1000 und 1200 Tonnen Rohtabak. Davon werden rund zwei Drittel als Burley gehandelt, ein Drittel als Virginia. Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz mit eigenem Tabak liegt unter einem Prozent - was Schweizer Tabak nicht zur Mengen-, sondern zur Charakterfrage macht.
Die geografische Verteilung: 75 Prozent der Anbaufläche liegt im Broyetal (Waadt und Freiburg). Weitere relevante Anbaugebiete sind Aargau, Thurgau, St. Gallen, Tessin und Teile der Innerschweiz. Heimat bezieht ausschliesslich Tabak aus diesem Schweizer Pflanzerkreis.
02
Februar bis April: das Saatbeet
Tabak beginnt nicht im Feld, sondern im Gewächshaus.
Im späten Februar oder frühen März wird das Saatgut in flachen Schalen im beheizten Gewächshaus ausgebracht. Tabaksamen sind winzig - 1 Gramm enthält rund 10 000 Körner. Auf wenigen Quadratmetern wachsen die Setzlinge für mehrere Hektar Feldfläche heran.
In den ersten Wochen brauchen die Sämlinge konstant warme Temperaturen um 22 Grad und gleichmässige Feuchtigkeit. Wer das Saatbeet vernachlässigt, hat im Mai keine Setzlinge - und damit kein Tabakjahr. Diese Phase ist die handwerklich anspruchsvollste, weil der Pflanzer auf Hunderte von kleinen Pflanzen gleichzeitig achten muss.
Ab April werden die Jungpflanzen abgehärtet - tagsüber ins Freie, nachts zurück. Diese Vorbereitung auf das Aussenklima entscheidet darüber, wie stabil die Pflanzen die ersten Wochen im Feld überstehen.
03
Mai: Auspflanzung im Feld
Sobald die Eisheiligen vorbei sind, werden die Setzlinge gepflanzt.
Mitte bis Ende Mai - typischerweise nach den Eisheiligen - werden die rund 25 Zentimeter hohen Setzlinge ins Feld gesetzt. Pflanzabstand: rund 60 Zentimeter zwischen den Pflanzen, 90 Zentimeter zwischen den Reihen. Pro Hektar werden zwischen 18 000 und 22 000 Pflanzen gesetzt.
Die Auspflanzung erfolgt teils maschinell mit Pflanzmaschinen, teils von Hand - je nach Betriebsgrösse. In jedem Fall bleibt es Hand- und Knie-Arbeit, weil jede Pflanze nach dem Setzen mit etwas Wasser angegossen wird, um den Anwuchs zu sichern.
In den ersten zehn Tagen entscheidet sich, wie viel Prozent der Setzlinge tatsächlich anwachsen. Bei guter Witterung über 95 Prozent, bei Trockenheit oder Spätfrost teils nur 60 - dann müssen Nachpflanzungen organisiert werden.
04
Juni bis Juli: Pflege und Köpfen
Hacken, kontrollieren, köpfen - der Sommer entscheidet über die Qualität.
Die Pflanzen wachsen rasch. Im Juni werden die Felder gehackt, um Beikraut zu entfernen und die Bodenstruktur offen zu halten. Schädlingskontrollen laufen wöchentlich - die wichtigsten Risiken sind Blattläuse, Erdraupen und in feuchten Jahren der Falsche Mehltau.
Im Juli erreichen die Pflanzen ihre volle Höhe: Burley bis 2.20 Meter, Virginia kompakter um 1.60 Meter. Der entscheidende Eingriff in dieser Phase ist das Köpfen - der Blütenstand wird gekappt, sobald sich die ersten Knospen zeigen. Die Pflanze stoppt ihre Reproduktionsenergie und steckt sie in die Blätter.
Nach dem Köpfen treiben aus den Blattachseln Geiztriebe nach - diese werden über Wochen hinweg von Hand entfernt. Wer das vernachlässigt, verliert Blattmasse und Geschmackstiefe.
Eine Hektar Tabak braucht zehnmal mehr Arbeitsstunden als eine Hektar Weizen. Geköpft und entgeizt wird grösstenteils von Hand.
05
Juli bis September: die Ernte
Tabak wird nicht in einem Zug geerntet, sondern Blattstufe für Blattstufe.
Die untersten Blätter reifen zuerst. Sobald sie ihre charakteristische gelblich-grüne Färbung erreichen, werden sie von Hand gepflückt - typischerweise Ende Juli. Diese erste Ernte heisst Sandblätter.
Über sechs bis acht Wochen wandert die Ernte stufenweise nach oben. Pro Pflanze werden 18 bis 22 Blätter geerntet, in drei bis fünf Durchgängen. Die obersten, sogenannten Spitzenblätter, sind am dicksten, am dunkelsten und enthalten die meisten Aromakomponenten.
Burley wird im Stück (ganze Pflanzen) oder im Einzelblatt geerntet - je nach Trocknungsmethode. Virginia immer als Einzelblatt, weil die Hitzetrocknung sortierte Blattstufen verlangt.
06
August bis November: Trocknung im Schopf
Was geerntet wurde, wandert direkt in die Trocknungsscheunen.
Burley wird in offenen Tabakscheunen aufgehängt - die charakteristischen Holzschöpfe mit Lüftungsschlitzen, die das Landschaftsbild im Broyetal prägen. Die Blätter trocknen vier bis acht Wochen, durchlaufen dabei eine spontane Mikrofermentation und verlieren rund 80 Prozent ihres Wassers.
Virginia wird in geschlossenen Trocknungskammern hitzegetrocknet (flue-cured). Drei bis sechs Tage steigt die Temperatur stufenweise auf bis zu 75 Grad. Dieser Prozess fixiert den natürlichen Pflanzenzucker.
Wer im Spätsommer durchs Broyetal fährt, sieht die Schöpfe voll behängt - eine Landschaft, die sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert hat.
07
Winter: Lieferung und Abrechnung
Im Winter wird der Tabak gebündelt, klassiert und an den Pflanzerverband geliefert.
Ab November bündeln die Pflanzer die getrockneten Blätter in Pakete - traditionell rund 25 Kilogramm. Jedes Paket wird nach Sorte, Blattstufe und Qualität klassiert.
Die Anlieferung an den Pflanzerverband SwissTabac erfolgt zwischen Dezember und März. Dort übernehmen Klassiermeister die Qualitätsbewertung, die den Auszahlungspreis bestimmt. Schweizer Tabak wird grundsätzlich nach Qualität entlohnt, nicht nur nach Gewicht.
Erst danach wandert der Tabak in die Fermentationslager - bei Heimat nach Payerne, wo er mindestens 18 Monate ruht, bevor er weiterverarbeitet wird. Das nächste Saatbeet entsteht zu diesem Zeitpunkt schon wieder.
Häufige Fragen
Schweizer Tabakanbau im Detail
Rund 130 Betriebe, organisiert im Pflanzerverband SwissTabac. Die Anzahl ist seit etwa zehn Jahren relativ stabil, war früher aber deutlich höher (in den 1960er-Jahren über 4000).
Etwa 450 Hektar, drei Viertel davon im Broyetal in den Kantonen Waadt und Freiburg. Weitere Anbaugebiete sind Aargau, Thurgau, St. Gallen und das Tessin.
Zwischen 1000 und 1200 Tonnen Rohtabak jährlich. Das entspricht weniger als einem Prozent des Schweizer Tabakkonsums - der Rest wird importiert.
Von Ende Juli bis Mitte September, in mehreren Durchgängen Blattstufe für Blattstufe. Pro Pflanze werden 18 bis 22 Blätter in 3 bis 5 Erntegängen geholt.
Rund 1500 Arbeitsstunden, etwa das Zehnfache einer Hektar Weizen. Auspflanzung, Hacken, Köpfen, Entgeizen und Ernte sind weitgehend Handarbeit.
Die Anlieferung läuft über den Pflanzerverband SwissTabac. Abnehmer sind die wenigen Schweizer Hersteller und Manufakturen, darunter Heimat. Heimat ist die einzige Marke, die ausschliesslich Schweizer Tabak verarbeitet.
In kleinem Umfang ja. Die Mehrheit der Schweizer Tabakproduktion läuft nach IP-Suisse-Richtlinien (integrierte Produktion) mit reduziertem Pflanzenschutzeinsatz.
Vertiefung
Im Journal weiterlesen
Weiterlesen