Dossier · Geschichte des Tabakanbaus in der Schweiz

Kapitel IV · 11 min Lesezeit

Tabakindustrie und Zigarettenproduktion in der Schweiz

Von den ersten Basler Tabakfabriken um 1670 über die Aargauer Zigarrendynastien bis zur ersten Zigarettenmaschine in Boncourt 1895 und den drei verbliebenen Produktionsstandorten heute.

Vorindustrielle Manufakturen ab 1670

Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestanden in verschiedenen Kantonen und Städten der Schweiz vorindustrielle Tabakmanufakturen, die sich auf die Herstellung von Schnupf-, Kau- und zunehmend auch Pfeifentabak sowie auf den Tabakhandel spezialisiert hatten. Als früheste Beispiele können die Stadt Basel und der Kanton Tessin gelten.

In Basel entstanden in den 1670er Jahren erste Tabakfabriken, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts unterhielt die Stadt ein florierendes Tabakgewerbe, das mit seinen Produkten die verschiedenen Märkte im In- und Ausland belieferte.53 Im Kanton Tessin wurde laut Haas ab den 1680er Jahren industriell Schnupftabak gemahlen.54

Im Kanton Bern und seinen Hoheitsgebieten setzte die Tabakfabrikation, gefördert durch die Regierung, ab 1727 ein. Es entstanden Manufakturen und Sozietäten in Avenches (Obrigkeitliche Tabakmanufaktur, 1727), Payerne (Tabaksozietät Peterlingen, 1727), Villeneuve (Hans Georg Berseth, 1728) und Bern (Pierre Brousse, 1733).55 Im bernischen Aargau entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem durch die Tabakfabrik von Samuel Seiler (1769) in Lenzburg ein bedeutender Umschlag- und Fabrikationsort.56 In der Waadt wurden Bex, Aigle und Vevey zu Zentren der Tabakmanufaktur.57

Die Geburt der Zigarrenindustrie im Aargau

Die eigentliche Tabakindustrie in der Schweiz entstand mit dem Aufkommen der Zigarrenfabrikation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den Kantonen Basel-Stadt und Waadt entstanden erste Zigarrenfabriken, gerade in Vevey und in Grandson bildeten sich grosse Zentren.58 Im Tessin gründeten politische Flüchtlinge aus Venezien und der Lombardei ab 1847 Zigarrenfabriken in Brissago, Lugano, Pedrinate, Balerna und Chiasso.59

Eine der ausgedehntesten und bedeutendsten Zigarrenfabrikationen entwickelte sich jedoch ab 1840 im Kanton Aargau. Nachdem 1840 in Menziken die erste Zigarrenfabrik gegründet worden war, verbreitete sich die Zigarrenindustrie rasch auf die umliegenden Orte im Bezirk Kulm sowie auf Lenzburg, Zofingen und Rheinfelden. Der Aufschwung hing eng mit der Krise in der Baumwollindustrie zusammen, die der Zigarrenindustrie zusätzlich Arbeitskräfte brachte.

Einen weiteren gewaltigen Aufschwung erlebte die aargauische Zigarrenindustrie in der ersten Hälfte der 1860er Jahre, als zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs von Seiten der Nordstaaten Verträge für Zigarrenlieferungen an die Unionsarmee geschlossen werden konnten.

Seit diesem Zeitpunkt waren im Aargau immer rund 3000 Personen in der Tabakindustrie tätig - der Kanton stellte zeitweise rund die Hälfte der Gesamtarbeiterschaft sowie rund ein Drittel der Produktionsbetriebe der schweizerischen Tabakindustrie.60

Beschäftigung 1880-2014

Die schweizerische Tabakindustrie verteilte sich um den Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit auf insgesamt 14 Kantone. Seit den 1880er Jahren verfügte sie über zwischen rund 5000 und 7000 Angestellten in 96 bis 170 Firmen. Nur zwischen 1911 und 1923 sollte die Angestelltenzahl auf 9000-10 000 ansteigen.61

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Anzahl Angestellter rückläufig zu werden: 1952 waren in der schweizerischen Tabakindustrie noch 7757 Personen angestellt.62 Am Beispiel des Aargaus lässt sich der Rückgang gut illustrieren: 1955 noch 52 Betriebe mit 2883 Angestellten, 1975 noch 29 Betriebe mit 1046 Angestellten, 1995 nur noch sechs Betriebe mit 209 Angestellten.63 Heute bestehen in der Schweiz lediglich noch drei grosse Produktionsbetriebe in Neuenburg, Boncourt und Dagmersellen mit zusammen über 5060 Angestellten.64

Die Zigarette verdrängt die Zigarre

Einen wesentlichen Beitrag zu den Veränderungen leistete die Einführung der Zigarette, welche die Zigarre innerhalb weniger Jahre als Rauchgenussmittel verdrängt hatte. Die Zigarettenproduktion in der Schweiz entwickelte sich im Verlauf der 1870er Jahre.65 Bis Mitte der 1890er Jahre nahm sich die schweizerische Zigarettenindustrie jedoch bescheiden aus: 1883 stellten gerade einmal sieben der 171 ins Handelsregister eingetragenen Tabakfirmen ausschliesslich Zigaretten her - Hauptgrund: die Abnehmerschaft fand sich vorwiegend in städtischen Gebieten, während die Landbevölkerung weiterhin Zigarren oder Pfeifentabak konsumierte.66

1895 führte die Firma Burrus in Boncourt die erste Zigarettenmaschine mit einer Leistung von 2,55 Mio. Zigaretten pro Jahr ein - ein Wendepunkt. Die Anzahl Firmen mit Zigarettenproduktion stieg auf 19.67

Vom Schützengraben zur Milliardenproduktion

Die allmähliche Entwicklung hin zur Massenproduktion zeigte sich auch in den Mitarbeiterzahlen, die nun in verschiedenen Betrieben bis auf 200 anstiegen. 1911 existierten in der Schweiz 14 Zigarettenfabriken mit 748 Angestellten. Nach dem Ersten Weltkrieg existierten 1920 Betriebe mit 1164 Angestellten. Nach dem Krieg führten Überproduktion und Konkurrenzkampf zu einem Wiederrückgang auf 14 Betriebe mit 860 Beschäftigten (1939).68

Der Erste Weltkrieg hatte die Rauchgewohnheiten verändert. Wie Steigmeier schreibt, bevorzugten

die im Krieg oder zumindest im Grenzschutz stehenden Soldaten für ihre kurzen Rauch- beziehungsweise Gefechtspausen eben die schnell fertig gerauchte und billige Zigarette.69

Die heimkehrenden Soldaten blieben der Zigarette auch nach dem Krieg treu. 1917 hatte die Produktionsmenge 760 Mio. Zigaretten betragen - 1920 wurde mit 1,76 Mia. Zigaretten erstmals die Milliardengrenze überschritten. 1933 erreichte die Jahresproduktion mit 2,35 Mia. Zigaretten ihren vorläufigen Höchststand. Durch den Zweiten Weltkrieg stieg sie bis 1945 auf 3,9 Mia. Zigaretten.70 Davon exportierte die Schweiz ab 1947 jährlich 1,5 Mia. Stück. Als Grund für den enormen Inlandkonsum nennt Zeller, «dass seit dem Krieg immer mehr Frauen sich das Rauchen angewöhnt haben».71

Heute: Exportstärke und industrielle Hochleistung

Die schweizerische Zigarettenproduktion ist seit den 1950er Jahren zu einer industriellen Erfolgsgeschichte gewachsen: von 11 Mia. Zigaretten (1960) auf über 60 Mia. zur Jahrtausendwende. Heute werden in den drei verbliebenen Grossbetrieben in Neuenburg, Boncourt und Dagmersellen jährlich rund 25 Mia. Zigaretten gefertigt - der weit überwiegende Teil davon für den Export. Schweizer Tabakwaren gehören damit zu den wichtigsten Exportgütern des Landes und erwirtschaften jedes Jahr Erlöse in Milliardenhöhe.

Während sich der inländische Konsum durch ein verändertes Gesundheitsbewusstsein neu sortiert hat, hat die Branche ihre Stärke nach aussen verlagert: Schweizer Präzision, hohe Fertigungsstandards und ein international anerkanntes Qualitätsversprechen machen die hier produzierten Tabakwaren weltweit gefragt. Über 5'000 hochqualifizierte Arbeitsplätze, bedeutende Steuereinnahmen für den Bund und ein dichtes Netz aus Zulieferern, Maschinenbau und Forschung sichern den Standort Schweiz langfristig.72 Das Premium-Segment, in dem auch Heimat wirkt, profitiert besonders von dieser industriellen Tiefe und dem hohen Qualitätsanspruch des ganzen Landes.

Fussnoten

  1. Vgl. Milliet, Beschaffung, S. 383; Kölner, Basel, S. 264-266.
  2. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 23-30.
  3. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 5-6.
  4. Vgl. Neuenschwander, Geschichte, S. 275-280.
  5. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 18.
  6. Vgl. Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Industrie, S. 45.
  7. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 34-35; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 6-7.
  8. Vgl. Steigmeier, Blauer Dunst, S. 16-39; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 7.
  9. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 154-155, 162.
  10. Vgl. Zeller, Tabakindustrie, S. 3, 5, 6.
  11. Vgl. Steigmeier, Blauer Dunst, S. 35.
  12. Vgl. NZZ, 12. Dezember 2014.
  13. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 7.
  14. Vgl. Solidarität, 12. August 1938.
  15. Vgl. Solidarität, 12. August 1938.
  16. Vgl. Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Industrie, S. 52-53; Solidarität, 12. August 1938.
  17. Steigmeier, Blauer Dunst, S. 26.
  18. Vgl. Solidarität, 12. August 1938.
  19. Vgl. Zeller, Tabakindustrie, S. 6.
  20. Vgl. Rieder/Egger/Flückiger, Schweizerische Agrarmärkte, S. 410; NZZ, 12. Dezember 2014; Sucht Schweiz online, Zigarettenproduktion in der Schweiz 1996-2014.