Dossier · Geschichte des Tabakanbaus in der Schweiz
Kapitel I · 6 min Lesezeit
Die Einführung des Tabaks in der Schweiz im 16. Jahrhundert
Konrad Gesner, Adolf Occo, Benedikt Aretius - wie der Zürcher Naturforscher 1565 die erste dokumentierte Tabakpflanze auf Schweizer Boden bestimmte.
Wie verschiedene Autoren vermuten, wurde der Tabak in der Schweiz durch französische Hugenotten bekannt gemacht. Die erste Erwähnung von Tabak und des Anbaus von Tabak findet sich für die Schweiz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.1 Der Zürcher Naturforscher Konrad Gesner erhielt in der ersten Hälfte der 1560er Jahre Blätter einer Pflanze, welche ihm der Memminger Arzt Johann Funk im Auftrag des Augsburger Stadtarztes Adolf Occo mit der Bitte zukommen liess, deren Art zu bestimmen.
Wie ein Brief von Gesner an Occo zeigt, kannte auch der Zürcher Botaniker die Blätter nicht, vermutete jedoch, dass es sich um ein Exemplar eines neuen Krauts handle, das nach Frankreich gebracht wurde. Laut Gesner «nennen es [die einen] vom Namen des Gesandten her Nikotinia, die anderen Pontiana oder Potium vom Namen des Thevetus […] her».2 Um eine eindeutige Bestimmung zu erhalten, holte sich Gesner Rat beim Berner Theologen Benedikt Aretius (Marti von Bätterkinden).3
Die Bestimmung durch Aretius
Dank der von Aretius übermittelten Zeichnung und Beschreibung einer Pflanze, die dieser in seinem Garten zog und «Pontiana» nannte, war Gesner eindeutig in der Lage, die Blätter der Tabakpflanze zuzuordnen, wie ein Schreiben vom 24. November 1565 von Gesner an Aretius zeigt:
Ich danke Dir erneut für die mir von neuem beschriebene und abgezeichnete Pontiana mit ihrer äusserst geschmacksvollen Blüte. Wenn Dir die Pflanze zugrunde geht, wie ich befürchte, dass sie es wird (denn beinahe alle Pflanzen, die im ersten Jahr blühen, gehen im selben Jahr zugrunde), bewahre mir eine Wurzel und schicke sie mir bei Gelegenheit, entweder allein oder lieber an ihrem Strunk haftend, wie beschaffen der auch immer ist.4
In einem Brief an den Basler Arzt Theodor Zwingger vom 26. November 1565, in dem Gesner nochmals auf die Abbildung zu sprechen kam, welche ihm Aretius geschickt hatte, bestätigt Gesner, dass es sich bei der Pflanze eindeutig um Tabak gehandelt haben muss. So äusserte er gegenüber Zwingger die Hoffnung, bald Samen von der Pflanze aus der neuen Welt zu bekommen, deren Blatt man rauchen oder kauen konnte.5
Dank Gesners Korrespondenz lässt sich aufzeigen, dass in der Schweiz erstmals in den 1560er Jahren Tabak angebaut wurde - auch wenn nicht von einem kommerziellen, sondern vielmehr von einem experimentellen Anbau und von einem Anbau zu Zierzwecken gesprochen werden muss.6
Vom Heilmittel zum Genussmittel
Es sollte noch rund 150 Jahre dauern, bis in der Schweiz von einem Anbau und einer Fabrikation von Tabak im kommerziellen Sinn gesprochen werden kann. Bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts erfolgte der Tabakanbau in geringem Ausmass, und Tabak wurde als Heilmittel gegen verschiedene Leiden wie Müdigkeit, Apathie, Geschwüre und Hautkrankheiten, aber auch gegen schwere Krankheiten wie Cholera, Pocken oder die Pest verwendet. Wegen seiner angeblich vielseitigen Heilkräfte erfuhr der Tabak eine erste grössere Verbreitung.7
Seine eigentliche Verbreitung und seinen Siegeszug erlebte der Tabak in der Schweiz jedoch erst, als er ab Mitte des 17. Jahrhunderts als Genussmittel - speziell in Form des Rauchens - entdeckt wurde. War der Tabakkonsum und das Rauchen bei den Seefahrernationen Europas wie England, Frankreich, Portugal und Spanien bereits ab Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitet, kam das Rauchen von Tabak in der Schweiz erst im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs (1618-1648) in Mode.8
Durch die im Krieg kämpfenden englischen, holländischen und schwedischen Truppen verbreitete sich das Rauchen in weiten Teilen Deutschlands, Österreichs und Ungarns. Die Ausbreitung des Rauchens in der Schweiz erfolgte über Basel, wo es durch die «[d]irekte oder indirekte Berührung mit der Soldateska des Dreissigjährigen Kriegs»9 - nicht zuletzt durch die vielen internationalen Söldner, die in der Basler Stadtgarnison Dienst leisteten - bekannt wurde.10 Mit dem verstärkten Aufkommen des Rauchens und der damit steigenden Nachfrage nach Tabakwaren entwickelten sich der eigentliche Anbau und eine industrielle Verarbeitung des Tabaks.
Fussnoten
- Vgl. Gertsch, Rückschau, S. 22-23. ↩
- «[N]ova herba in Gallias nuper allata (et Lugduni nota, Nicotiniam a legati nomine, alii Pontianam vel Potium Theveti, qui Galliam Antarcticam scripsit, vocant).» Brief von Konrad Gesner an Adolf Occo, 5. November 1565, zit. Hartwich, Genussmittel, S. 64. - Gemäss Hartwich finden sich zwei Briefe der Korrespondenz von Gesner, Occo und Funk in Epistolarum medicinalium Conradi Gesneri, Tiguri 1577, S. 80a, 97a. Mit dem Gesandten ist Jean Nicot (1530-1604), französischer Diplomat am portugiesischen Hof, gemeint, der den Tabak als Heilpflanze in Frankreich einführte. André Thevet (1516-1590) gilt als erster europäischer Forscher, der den Tabak beschrieb (Les Singularités de la France antarctique, 1557). ↩
- Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 14. ↩
- «Pro Potiana denuo mihi depicta cum suo flore pereleganti descriptaque, gratias ago. Si periret tibi planta, ut perituram metuo […], radicem quoque mihi serva et mitte per occasionem […].» Brief von Konrad Gesner an Benedikt Aretius, 24. November 1565, zit. Hartwich, Genussmittel, S. 66. Vgl. Milliet, Beschaffung, S. 382-383. ↩
- Vgl. Hartwich, Genussmittel, S. 66; Kölner, Basel, S. 253; Chuard/Dessemontet, Le 250e anniversaire, S. 9. ↩
- Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 14. ↩
- Vgl. Milliet, Beschaffung, S. 381-382; Haas, Tabakindustrie, S. 14-15; Kölner, Basel, S. 255-257. ↩
- Vgl. Milliet, Beschaffung, S. 380-381; Haas, Tabakindustrie, S. 14-15; Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Industrie, S. 45; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 3; Heege, Toback trinken, S. 210-211. ↩
- Kölner, Basel, S. 254. ↩
- Vgl. Hartwich, Genussmittel, S. 66-67; Neuenschwander, Geschichte, S. 142. ↩